„Sie raucht bestimmt John Player Special ohne Filter“

Das „Monochrome bleu: IKB 73“ (1963) von Yves Klein ist ein komplett blaues Bild. Einfach nur sattes Ultramarinblau, keine Pinselstriche, keine Punkte, Dreiecke oder sonst irgendetwas darauf. Eine ziemliche Herausforderung für manche Besucher*innen, die sich nach der Bedeutung dieser blauen Fläche fragen. Die Teilnehmer*innen der heutigen Gruppe erhalten ein kleines Blatt mit 26 Strichen. Die Aufgabe lautet, das Alphabet herunter zu schreiben, auf jeden Strich kommt an den Anfang ein Buchstabe, das läuft schon mal gut.

Als nächstes soll auf jeden Strich ein Wort geschrieben werden, beginnend mit dem jeweiligen Buchstaben. Alle Wörter sind erlaubt, egal ob Verb, Substantiv, Adjektiv oder Fantasiewort. Dann werden reihum Reihen zu einzelnen Buchstaben vorgelesen. Das Werk wird sehr unterschiedlich wahrgenommen: Azurblau, Aqua, anstrengend, akribisch lauten Worte aus der Reihe „A“, Energie, einfallslos, einfach, echt, eigen zu „E“ und Mediation, Meer, Mut und mehrdeutig zu „M“. Während die Wörter vorgelesen werden sieht man das Werk von Yves Klein auf einmal aus vielen verschiedenen Blickwinkeln. Einige Wörter wiederholen sich oft, wie „Blau“ oder „Meer“. Manche stehen in starkem Kontrast zueinander, wie „leer“ und „dynamisch“. Durch die Übung wird deutlich, wie stark wir selbst Kunst mitbestimmen – unsere Tagesform, unsere Sicht auf die Dinge, unsere Erwartungen, Erfahrungen und Hoffnungen formen den Blick auf das Werk, es wird zu einer Projektionsfläche, die wir selbst wesentlich mitgestalten.

Eindrücke zu Papier bringen Foto: Nathan Ishar

  Weiter geht es zu George Segals Installation „The Restaurant Window I“ (1967), bei dem ein Mann mit gesenktem Kopf an einem Fenster vorbeiläuft, hinter dem eine Frau an einem Bistrotisch sitzt. Die folgende Aufgabe wird paarweise durchgeführt: jeweils eine Person übernimmt die Rolle einer/s Bildhauer*in, die andere ist die künstlerische Masse. Die/der Bildhauer*in formt aus der künstlerischen Masse die genaue Haltung des Mannes nach. Die künstlerische Masse verharrt einige Momente in dieser Position und prägt sich das Gefühl ein, dass durch die eingenommene Haltung entsteht. Sie soll es in sich in einem Wort merken. Danach wechseln die Rollen. Bei dieser Übung wird deutlich, wie eng Körper und Geist miteinander agieren. Nehme ich eine ermüdete oder niedergeschlagene Position ein, so nimmt auch der Geist eine entsprechende Verfassung ein. Eine aufrechte Position vermittelt unserem Geist hingegen mehr Selbstvertrauen. Negative wie positive Signale von Körper und Geist beeinflussen sich gegenseitig deutlich.

Bildhauerin und künstlerische Masse Foto: Nathan Ishar
Anstellen für einen Catwalk-Lauf Foto: Nathan Ishar

Bei der nächsten Station steht die eigene Vorstellungskraft im Mittelpunkt: was hat die „Woman with a Purse“ (1974 vom Amerikaner Duane Hanson geschaffen) wohl in der Handtasche? Innerhalb von fünf Minuten gilt es, den Tascheninhalt – den es zu imaginieren gilt – auf die ausgeteilten Zettel zu skizzieren. Beim Vorstellen der Skizzen werden viele alltägliche Dinge gezeigt: Geldbörsen, Bücher, Zigaretten, Lippenstifte und Handys sind in vielen Taschen zu finden. Auch Messer, Tabletten und Schusswaffen kommen häufiger vor. Soweit so gut. Richtig interessant aber wird es, wenn nachgefragt wird, was das denn für ein Buch ist, das die Dame liest. Bevorzugt sie einen herzerwärmenden Arztroman oder liest sie gern Thriller von Jussi Adler-Olsen? Was für eine Zigarettenmarke raucht sie? Gauloises light ist es auf keinen Fall, „sie raucht bestimmt John Player Special ohne Filter“ sagt ein Teilnehmer überzeugt. Die Waffe? Natürlich eine Walter PPK, da kennt die Dame nichts, sie hat die Patronen gesondert dabei. Nach und nach entstehen verschiedene Charakterbilder der Frau, die etwas abgestumpft in die Gegend blickt. Durch ihren Tascheninhalt haben wir sie ein ganzes Stück besser kennengelernt.

Schnelle Skizzen sind gefragt Foto: Nathan

Nach ein paar weiteren Aufgaben endet der interaktive Rundgang vor einem Dripping-Gemälde von Jackson Pollock. Pollock legte die Leinwände auf den Boden, lief darum herum und kleckste und schleuderte währenddessen die Farbe so darauf, dass die Leinwand nicht berührt wurde. Auf diese Weise übertrug er seinen Körperrhythmus auf das Bild, der wie ein dichtes Gespinst die gesamte Fläche bedeckt. Jede/r Teilnehmer*in erhält einen Graffitifaden und gemeinsam wird ein Pollock erschaffen, bei dem man merkt, dass der Pollocksche Akt irgendwo zwischen Kontrolle und Zufall stattfindet  – was einmal liegt kann und darf nicht mehr verändert werden.

Ein echter Graffiti-Pollock Foto: Museumsdienst Köln

Entwickelt wurden die Übungen und Anregungen (dies war nur ein kleiner Einblick) für diesen Rundgang von Karin Rottmann, der stellvertretenden Direktorin und kreativen Leitung des Museumsdienst Köln. Dank ihr haben sich zahlreiche Besucher*innen die Kunst auf interaktive Weise selbst erschlossen und obendrein jede Menge Spaß gehabt.

Fazit: Selbst ausprobieren. Der Interaktive Rundgang durch das Museum Ludwig ist jederzeit beim Museumsdienst Köln buchbar unter: https://museenkoeln.de/portal/angebotbuchen.aspx?inst=1&angebot=1021

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